Anmut

Hölle ist das Gegenteil von Freude. Sie ist Unerfülltheit. Sie ist das Wissen, Wer und Was man ist, und das Unvermögen, das zu erfahren und auszudrücken. Es bedeutet, weniger zu leben als das...
— Neale Donald Walsch, „Gespräche mit Gott

In den sufischen Mysterienschulen gibt es den Begriff der „Unschätzbaren Perle“.
Sie gilt als Verkörperung purer göttlicher Essenz im Menschen - fleischig und juicy - und entstammt dem unendlichen Ozean des ALLES-NICHTS.
Schaumgeboren begegnet sie uns auch als die anmutige Schönheit der Göttin in Botticellis „Geburt der Venus“.

Jeder von uns trägt diese Perle, diese anmutige Schönheit, in sich. Sie ist unser göttliches Erbe – unabhängig von unserer physischen Erscheinung, unserem sozialen Status, unseren geistigen Möglichkeiten oder unserer Fähigkeit, uns eloquent in der Gesellschaft zu bewegen.

Heute projizieren wir Schönheit und Anmut auf Popstars und andere Berühmtheiten und verwechseln dabei Attraktivität und gesellschaftlichen Glanz mit jenen inneren Qualitäten, die einst als Manifestationen des Göttlichen, als Tugenden, wertgeschätzt wurden.

Großzügigkeit, Mitgefühl, Dankbarkeit, Freude, Erkenntnis und Achtsamkeit – all das sind Qualitäten, die in der Not gerne angenommen, im alltäglichen Leben aber erstaunlich wenig gewürdigt werden.

Nützliche Kontakte, gesellschaftliche Stellung, Zugang zu etwas Exklusivem, Geld und Macht scheinen dagegen zu den modernen Schlüsseln geworden zu sein, mit denen sich die Türen zu den Menschen leichter öffnen lassen.

Echte Schönheit

Trotz allem, was uns Werbung und Starkult vermitteln wollen: Wirkliche Schönheit und die Anmut, die sie umgibt, kann man nicht überstreifen wie eine zweite Haut.

Sie sind ein Leuchten, das von innen kommt – flüchtig, vergänglich und zugleich alterslos. Ein natürlicher Glanz, der entsteht, wenn wir in Balance mit uns selbst und im Einklang mit den größeren Zusammenhängen des Lebens leben.

Wie eine Lotusblüte, die sich selbst über das schmutzigste Wasser ins Licht erhebt, ergeht an uns der lebenslange Ruf, die Dunkelheit und die Schwierigkeiten in unserem Leben in das Licht der Liebe, den Duft des Mitgefühls und letztlich in die Blüten von Bewusstsein zu verwandeln

Ist es nicht das, warum wir hier sind?

- in tausenden Formen

Für jeden von uns zeigen sich Schönheit und Anmut auf andere Weise.

Für einen Wissenschaftler kann es jener kristallklare Geistesblitz sein, der plötzlich ein ganzes Problem erhellt, die einzelnen Teile in einen sinnvollen Zusammenhang bringt und für einen Augenblick etwas vom Mysterium unseres Universums offenbart.

Für einen Künstler ist es vielleicht das Wechselspiel von Licht und Schatten, das sich über eine Landschaft bewegt. Für einen Komponisten sind es möglicherweise die zarten Töne des tropfenden Wassers nach einem Regenguss.

Vielleicht entspringt der kreative Impuls in uns genau aus solchen Momenten natürlicher Anmut: Augenblicken, in denen die scheinbar widersprüchlichen Einzelteile des Lebens plötzlich harmonisch zusammenwirken.

Für einen kurzen Moment scheint sich etwas zu öffnen.
Zusammenhänge werden sichtbar, wo vorher nur einzelne Teile waren, und überall, wohin wir schauen, können wir die geheimnisvolle Schönheit und Brillanz eines größeren Ganzen entdecken.

- und vergänglich wie japanische Kirschblüten

Sich Schönheit und Anmut bewusst zu werden, bedeutet auch, sich ihrer Vergänglichkeit bewusst zu werden.

Jede natürliche Schönheit hat ihren Anfang, ihre Blütezeit und ihr Vergehen.
Und irgendwann kehrt sie zu uns zurück – unerwartet, in einer neuen Form und wieder nur für eine begrenzte Zeit.

Wir erschaffen uns viel Leid, wenn wir dem Bedürfnis nachgeben, Schönheit enträtseln und festhalten zu wollen: wenn wir versuchen, sie zu unserem dauerhaften Eigentum zu machen, ihren Verfall aufzuhalten und ihre Anmut für immer zu konservieren.

Wir können das so lange versuchen, bis wir irgendwann feststellen, dass wir steckengeblieben sind – in der Sehnsucht, das Unaufhaltsame aufzuhalten und das Verlorene mit aller Macht wieder zum Leben zu erwecken.

Wenn es uns dagegen gelingt, das Festhalten für einen Moment aufzugeben und die Schönheit gerade deshalb zu genießen, weil sie vergänglich ist, kann die Anmut des Augenblicks zu einer Quelle tiefer innerer Freude, ästhetischen Vergnügens und seelischer Nahrung werden.

Go Gratitude!

Ich habe immer wieder Menschen beobachtet, die beinahe blind geworden sind für die Schönheit und Anmut, die ihnen jeden Tag in unzähligen Momenten begegnet:
durch andere Menschen und Tiere, durch Landschaften, Bäume und Blüten, durch fallende Blätter und wechselndes Licht, durch Gerüche, Geräusche und all die kleinen Dinge, die sich unserer Aufmerksamkeit anbieten.

Es ist, als hätten diese Menschen ihr Leuchten verloren. Frustration und Unzufriedenheit haben sich vor die Wahrnehmung dessen geschoben, was ebenfalls da ist.

Im Grunde sind wir alle mehr oder weniger davon betroffen. Statt die Verantwortung für das Gelingen in unsere eigenen Hände zu nehmen, stecken wir fest in der Erwartung, dass das Leben uns geben soll, was wir von ihm brauchen: Sicherheit, Wohlstand, Liebe, Anerkennung. Und wenn wir all das nicht bekommen – oder nicht auf die Weise, auf die wir es erwartet haben –, fühlen wir uns enttäuscht, verraten oder um etwas betrogen, das uns vermeintlich zugestanden hätte.

Doch je stärker wir auf das schauen, was fehlt, desto leichter übersehen wir, was da ist.

Vielleicht ist Dankbarkeit deshalb weit mehr als ein freundlicher Gedanke oder eine spirituelle Übung.
Vielleicht ist sie eine Art des Sehens.
Sie richtet unsere Aufmerksamkeit wieder auf die Fülle des Lebens und auf diesen unaufhörlichen Strom von Schönheit und Anmut, der selbst in schwierigen Zeiten nicht vollständig versiegt.

Lass uns nicht blind dafür werden.
Lass uns Anmut, Schönheit und Grazie begrüßen, wann immer sie auftauchen.
Lass sie uns wirklich SEHEN, FÜHLEN, SCHMECKEN, ERTASTEN und HÖREN – mit all unseren Sinnen erfahren, ohne sie sofort messen, erklären oder analysieren zu müssen.

Wir können uns die Zeit nehmen und für einen Augenblick einfach bei ihnen bleiben.

Und vielleicht beginnt dann etwas von dieser Schönheit und Anmut auch in uns selbst wieder zu leuchten.

Andere Beiträge