Liebe Mama!
Heute ist es genau sieben Monate her, dass ich auf der Couch neben Deinem Krankenbett plötzlich aufwachte.
Es war kurz vor Sonnenaufgang, denn draußen präsentierte sich fast schon mystisch der Himmel in diesem besonderen Blau, das dieser Tageszeit ihren Namen gibt - Blaue Stunde.
Etwas hatte sich verändert. Deine Atmung war ganz flach und kurz. Ich lauschte – zu Dir und in mich hinein. Ist es Zeit für eine Morphininjektion, um Dir das Atmen zu erleichtern?
Soll ich den Palliativdienst herausklingeln und her bitten?
Kann ich jetzt etwas für Dich tun, um Dir den letzten Weg leichter zu machen?
Atmen
Und während ich auf Deine Atemzüge achtete, hast Du Dich auf einmal aufgebäumt.
Ich bin zu Dir gestürzt, um Dich beim ewigen Erbrechen, das dem Fentanylpflaster geschuldet war, zu stützen.
Aber das war es dieses Mal nicht.
Es war - einfach und schockierend - Dein letzter Atemzug.
Im nächsten Moment hielt ich Deinen leblosen Körper im Arm.
Nach fünft Monaten intensiven Zusammenseins bist Du nun doch durchs Fenster auf und davon geflogen.
Die letzten drei Nächte vor Deinem Tod haben wir eine abenteuerliche Reise zusammen unternommen, nicht wahr?
Als Du noch auf ewiges Leben hier auf Erden hofftest - fast so wie ein Kind - hast Du über meine Vorstellungen vom Sterben und dem Leben nach dem Leben gelacht.
Aber in diesen drei Nächten änderte sich das und Du begannst Deine Reise zur anderen Seite.
Mal warst Du dort drüben, dann kamst Du wieder hierher zurück.
Du erzähltest mir von einem steinernen Tor, das sich vor Dir aufbaute, und von Deiner Mutter, die dort auf Dich wartete. Aber auch von der Dunkelheit, die Dir Angst machte, und von der Unmöglichkeit, durch dieses Tor zu gehen.
Gnade
Ich habe Deine Not gespürt und etwas irritierte mich: diese Dunkelheit, die Dir solche Angst machte, ohne ein helfendes Licht, das von irgendwoher leuchtete.
Da habe ich zum zweiten Mal in meinem Leben gebetet.
Nicht, dass ich nicht zu Gott sprechen würde oder zu meinem Schutzengel. Ich bin da schon in ständigem Kontakt.
Aber das Gebet ist für mich etwas anderes. Es ist eine dringende Bitte, die ich für einen anderen Menschen ausspreche, der Unterstützung sehr nötig hat.
Und Du stecktest irgendwie fest. Das konnte ich spüren.
In dieser ersten der drei Nächte saß ich an Deinem Bett und bat um Gnade, um Schutz und Begleitung, um Licht und um einen klaren Weg, der Dich im nächsten Raum ankommen lässt.
Irgendwann wachtest Du auf und erzähltest mir, dass das Tor jetzt am Meer stehen würde und alles wäre so schön.
So sonnig und warm. So weich und lieblich. Und Du erzähltest mir, dass Du im Wasser schwebst, ganz selig wie ein Baby. Und Du machtest auch Geräusche wie ein Baby.
Es hörte sich an, als würdest Du Dein Leben im Kurzdurchlauf rückwärts leben.
Gesang
In der zweiten Nacht haben wir zusammen gesungen.
Keine richtigen Lieder.
Du pendeltest zwischen den Welten und an diesem Ort ergeben Worte keinen Sinn mehr. Wir ließen einfach unsere Stimmen erklingen.
Aber Dein schwerer Atem ließ Deine Stimmbänder nicht mehr richtig vibrieren. So zerlegten sich die Melodien der Lieder in einzelne Töne. Und es schien mir, als würde sich überhaupt die ganze Melodie Deines Lebens hier langsam in ihre Einzeltöne zerlegen.Bausteine des Seelensongs, die zurückgelegt werden in den riesigen Raum der Möglichkeiten, aus dem wir alle schöpfen dürfen.
Und so war es im Grunde mit allem: Komplexität war Dir über.
Alles musste reduziert werden auf die allereinfachsten Formen: Essen, Trinken, Bewegung, Kommunikation – heruntergebrochen auf das pure Sein.
Das Geschenk
Es war ein unerwartetes Geschenk, das Du mir da machtest, indem du mich an Deinem Verschwinden so hast teilhaben lassen.
Ich habe alles genau beobachtet und dabei wundersame Muster entdeckt -
Gesetzmäßigkeiten des Lebens, die sich für uns alle gleichermaßen entfalten, natürlich gefärbt von Deinen ganz eigenen und unverwechselbaren Stil.
Du warst bis zum Ende mit diesem trockenen, nordischen Humor gesegnet.
Und so bekamen viele dramatische Situationen etwas merkwürdig Skurriles.
Wir lachten darüber, dass selbst das Sterben für Dich irgendwie noch Arbeit ist.
Dein Satz, wenn wir als Kinder aufgeregt wegen einer Platzwunde oder eines aufgeschürften Knies zu Dir liefen: „So leicht stirbt es sich nicht!“ – kam an Deinem eigenen Lebensende plötzlich wieder zu Dir selbst zurück.
"Ich dachte nicht, dass Sterben so schwer ist."
Ja, weiß Gott, irgendwie lagen wir alle auf der Lauer, ängstlich, genervt, angespannt, tief berührt, mitgenommen in diese große Bewegung.
Wann würden wir an Dein Bett treten und Du wärst nicht mehr da?
Wie würde es sich anfühlen? Wie würdest Du aussehen?
Durch unsere Köpfe liefen vage Bilder, nichts Klares.
Wir würden überrascht werden.
Und wir wären unvorbereitet - eine beunruhigende Vorstellung.
Loslassen
Du dachtest, das Leben loszulassen wäre eine Lappalie, eine schnell getroffene Entscheidung – natürlich mit Deinem Verstand.
Du dachtest, Du könntest bestimmen, wie der Hase zu laufen hat.
Du hieltest eine Armada von Leuten auf Trab, um den riesigen Raum der Unendlichkeit, der sich vor Dir wie ein gähnender Abgrund öffnete, mit der Geschäftigkeit des Sterbens zu füllen.
Du versuchtest die Quadratur des Kreises.
Du wolltest den Tod kommandieren. Er sollte nach Deiner Pfeife tanzen und Dir erlauben, was keinem je erlaubt wurde: alles zu behalten, nichts aufzugeben, festhaltend an allem Bekanntem. Statt im letzten Hemd ohne Taschen auf die Reise gehen zu müssen, hofftest Du auf einen großen Abgang.
Du hattest eine merkwürdige Beziehung zu Intimität.
Auf der einen Seite warst Du unglaublich verschlossen. Ich bin sicher, dass es nur ganz wenige Menschen gab, wenn überhaupt einen, der Deine inneren Räume betreten durfte. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass Du diese Räume selbst vor Dir selber gut verschlossen hieltest.
Auf der anderen Seite hast Du noch zwei Tage vor Deinem letzten Atemzug als zierliches Persönchen in Deinem Blümchennachthemd zwanzig Chormitglieder, Freunde und Familie an Deinem Krankenbett im Wohnzimmer vorbeiziehen lassen, um ihnen die Möglichkeit zu geben, Dir Lebwohl zu sagen.
Bühne auch noch am Ende Deines Lebens. Wenn schon, denn schon.
In dieser Hinsicht sind wir uns wirklich nicht sehr ähnlich gewesen.
Öffnen
In der dritten Nacht hast Du Dich bei mir bedankt.
Du bestimmtest, dass ich in Dein Bett zu krabbeln hatte, wie damals als Kind.
Und dann ganz im Vertrauen, gestandest Du mir, dass Du jetzt froh und dankbar bist, dass ich Dich förmlich gezwungen habe, den Glaube an etwas Größeres als den eigenen logischen Verstand zu erlauben.
Ich war so dankbar für Deine geistige Klarheit bis zum Schluß. So konntest Du uns berichten, was Du in dem langen Korridor, der in den Raum dahinter führt, berichten.
Und dieses Größere nahm Dich in seine Hand und in seinem Schutz öffnete sich endlich Dein Herz weit und verletzlich.
Du hattest kleine Selbsterkenntnisse, in denen nun auch etwas Bedauern über verpasste Möglichkeiten mitschwang.
Gefühle waren Dir unheimlich, gabst Du zu. Du hättest sie zur Seite geschoben wie lästige, aufdringliche Bettler an der Tür. Und das hätte den Kontakt zu anderen, auch zu mir, sehr erschwert.
Ich war Dir sehr dankbar für diese Erkenntnis. Du nahmst sie mit nach drüben.
Fühl mich
Und ja, ich stimme Dir zu. Deine Gewohnheit, schmerzhafte Erfahrungen, das, was weh tut und uns verletzlich fühlen lässt, in die scheinbar harmlose Lächerlichkeit zu verschieben, hat Verbindungen zerrissen.
Nach innen und zu anderen, zu uns Kindern und auch zu Deinem Ehemann, unserem Vater.
Ohne diese Tiefe der Gefühle konnten wir die seelische Verbindung zueinander nur selten finden. Vieles blieb zwischen uns auf der Oberfläche des Rationalen hängen – schwarz und weiß und festgelegt, statt bunt und lebendig in der Veränderung.
Es ist ein wenig schade, dass wir diese Art von Offenheit nur in den letzten drei Tagen und Nächten teilen konnten, in denen Dein Verstand seine Hoheit verlor und dem Seelisch-Geistigen Platz machte.
Danach
Und dann kam die Zeit „danach“.
Die Wochen bis zu Deiner Beerdigung waren gefüllt mit Tun. Da blieb kaum Raum für den Schmerz, der jeden Verlust begleitet, und dafür, damit einfach zu sein.
Und ich konnte mir auch gar nicht vorstellen, dass der Verlust der Mutter ein ganz besonderer Schmerz ist. Er greift durch alle Knochen bis in die kleinste Zelle.
Die Wochen nach Deiner Beerdigung waren geprägt von einer merkwürdigen Leere. Ich habe den Tag der Beisetzung als eine Art Verwundung erlebt.
Zwischen all den Worten am Grab, dem schmutzigen Geschirr nach dem Mittagessen in Deinem Haus und der Angst vor dem Unbegreiflichen, die über diesem Tag hing, blieb keine Zeit, mich selbst zu spüren.
Etwas in mir versteinerte und blieb reglos stehen wie diese großen Engel, die noch auf alten Friedhöfen die Gräber lang Verstorbener behüten.
Im Garten Eden
Im Sommer blieb ich für vier Wochen in Deinem Haus, habe mich um Deinen Garten und die kleine hinterbliebene Katze gekümmert.
Aber im Haus hielt ich es kaum aus.
Ein merkwürdiger Hauch von Unerledigtem hing da zwischen den Wänden, all den Bildern und kleinen Dingen, mit denen Du Dich umgeben hattest.
So verbrachte ich viel Zeit im Garten und da tauchtest Du auf einmal auf, mit Deiner Leichtigkeit, Deinem Schalk, Deiner emsigen Energie. Da brachtest Du mir Bilder aus der Kindheit, glückliche Bilder, die von Geborgenheit und Wärme, von Sicherheit und Unbesorgtheit erzählten.
Und dann begannen sich die Bruchstücke meines Lebens neu zusammenzusetzen und sie erzählten eine andere Geschichte als die, die ich wie eine Bürde mit mir herumschleppte.
Die Geschichte handelte vom ungewöhnlichen Weg eines sehr begabten Mädchens, das zu einer ungewöhnlichen Frau heranwuchs.
Und die alte Geschichte von der emotional unberechenbaren Unruhestifterin, die im Grunde nichts weiter Nennenswertes zustande gebracht hatte, als zwei Kindern das Leben zu schenken, zerfiel.
Dein heimliches Unverständnis, Deine Angst vor meiner emotionalen Unberechenbarkeit und Deine Enttäuschung über meine Andersartigkeit waren ein Teil des Kitts gewesen, der diese Geschichte zusammenhielt.
Das alles fiel nun auseinander.
Auch ich konnte die Bausteine meines Lebens noch einmal neu sortieren.
Ach, schrittest du durch den Garten
noch einmal im raschen Gang,
wie gerne wollt’ ich warten,
warten stundenlang.
— Theodor Fontane, „Im Garten“
Liebe Mama,
ich weiß ganz genau, dass Du mir diese Bilder schickst, dass Du mich damit ermutigen willst, meinen
Weg weiterzugehen, auch wenn er für andere keinen Sinn ergeben mag.
Ich spüre, dass Du mich daran erinnern willst, dass die kleinen Dinge im Leben zählen, die Blüten, die Bienen, der Duft der Äpfel im Herbst, das milde Licht der Sonne im September, der Geruch der See,
das Zwicken der Ameisen, die über meine nackten Füße krabbeln, während ich von Deinen Rosen das Verblühte schneide. Ich spüre Deine Liebe und Fürsorge in diesen Bildern. Und das ist sehr, sehr schön.
Liebe Mama, wir hatten es oft nicht leicht miteinander. Wir waren so verschieden.
Ich befürchtete, dass das Gefühl der Erleichterung, das nach Deinem Tod in mir Platz nahm, das einzige sein würde, was ich je in mir spüren würde.
Ich befürchtete auch, dass ich ohne Tränen bleiben würde.
Ich dachte, die seltenen Momente, in denen diese zarte Verbindung zwischen uns zwei Frauen entstand, in denen wir Tochter und Mutter für einander waren, gaben vielleicht keine tiefe Trauer her...
Aber jetzt stelle ich fest, dass unsere Persönlichkeiten wirklich nur Kostüme sind, Dekor, Ummantelungen.
Wenn wir diese ablegen, dann bleibt das übrig, was ich gerne Essenz nenne.
Und jetzt, dadurch, dass Du Deinen Mantel schon mal abgelegt hast, kann ich Deine Essenz wahrnehmen. Und diese ist wunderschön. Sie ist frisch und leicht und humorvoll. Sie ist warm und liebevoll und freundlich. Sie trifft mich in meinem Herzen.
Sie bringt dieses Gefühl mit sich: Alles ist gut.
Sie trägt das Verständnis zu mir, dass nichts falsch ist, dass wir all dem was uns geschieht, auf einer tieferen Ebene zustimmen, und dass alles Teil einer großen, universellen, einvernehmlichen Symphonie ist
Tatsächlich gibt es nichts, worum wir uns sorgen müssten.
Liebe Mama, ich bin noch hier und ich trauere um die Unmöglichkeit, Dich in meine Arme zu schließen - zumindest hier und jetzt.
Aber ich bin auch glücklich und dafür danke ich Dir.
Ich danke Dir für dieses Leben, das Du mir geschenkt hast.
Ich danke Dir aus tiefsten Herzen für den Preis, den es Dich gekostet hat, und ich verspreche Dir mit ganzer Seele:
Ich mache das Beste daraus!
Bis wir uns wiedersehen.
In Liebe. Deine Tochter
